Header
 
THE LISTENER
ROCKIN´ SUBURBS IN MANNHEIM · BERLIN · BRÜSSEL SINCE 2003

Herbert Kegel - Portrait eines Querdenkers


von Rainer Aschemeier • 17. Juli 2006

Wenn man in Deutschland unter Freunden klassischer Musik eine Umfrage nach den wichtigsten deutschsprachigen Dirigenten des 20. Jh. machen würde, welche Namen kämen dabei heraus? Sicherlich an vorderster Front Herbert von Karajan und Wilhelm Furtwängler. Danach vielleicht Kurt Masur, Carlos Kleiber, Otto Klemperer, Günter Wand, Bruno Walter, Eugen Jochum, Karl Böhm, Wolfgang Sawallisch und und und … Es gab viele bedeutende Dirigenten deutschsprachiger Abstammung.
Wenn man nun in Japan diese Umfrage durchführen würde, gäbe es eine große Gemeinsamkeit: Herbert von Karajan. Und einen großen Unterschied: Herbert Kegel, der in Japan als einer der wichtigsten Dirigentenpersönlichkeiten des 20. Jh. verehrt wird. In seinem Heimatland wurde Maestro Kegel stets mit einiger Skepsis betrachtet.
Kegels Name steht deswegen heute auch als Mahnmal dafür, was der sog. „Musikbetrieb“ und staatlich regulierte Kulturpolitik anrichten kann.

Diskographie:

Herbert Kegel wurde am 29. Juli 1920 in Dresden geboren.Seine musikalische Laufbahn begann er zunächst als Pianist. Eine Kriegsverletzung an der rechten Hand bereitete seinen Pianistenträumen jedoch vorzeitig ein Ende. Nach dem Krieg begann er seine Dirigierausbildung bei Karl Böhm. Dieser erkannte früh das ungeheure Potenzial des Dirigenten Kegel und verschaffte ihm erste Arrangements. Bereits 1949 wurde Kegel Chorleiter und Kapellmeister beim Sender Leipzig. 1953 folgte der Posten als Chefdirigent des Leipziger Rundfunk-Sinfonie-Orchesters (heute mdr Sinfonie-Orchester) und
1958 wurde er zum jüngsten Generalmusikdirektor der damaligen DDR ernannt.In der Zeit von 1949 bis 1978 blieb Kegel „seinem“ Rundfunk-Sinfonie-Orchester und -Chor treu, nahm nur selten Gastauftritte bei anderen Orchestern an und erarbeitete einen ungeheuren Repertoirereichtum, der zu großen Teilen auf neuer Musik basierte. Fast 1000 Rundfunkaufnahmen und etwa 150 Schallplattenaufnahmen sprechen eine deutliche Sprache.
Zwei der weniger beliebten Beethoven-Werke in einer Aufnahme, wie man sie sich nur wünschen kann. Referenzklasse!

Doch was war das Besondere an diesem Dirigenten? Was trieb die Musikjournalistin Helga Kuschmitz dazu, ihre Kegel-Biographie mit dem Titel „Legende ohne Tabu“ zu versehen? Warum ist überhaupt so auffallend oft von dem Wort „Legende“ die Rede, sobald unter Kundigen und Fans die Sprache auf Herbert Kegel kommt? Die Antwort lässt sich in Worten allein nicht ausdrücken. Die Antwort ist die Musik, die uns Herbert Kegel hinterlassen hat. Seine Interpretationen zeichnen sich durch eine ungeheure Transparenz und Durchhörbarkeit aus. Oft hat man den Eindruck – selbst bei Stücken, die man schon viele Male gehört hat und daher zu kennen glaubt – als hätte man jahrelang durch eine Milchglasscheibe geblickt und Kegels Interpretation habe den Schmierfilm vom Glas entfernt, sodass man nun ganz neue Details wahrnimmt, die man so zuvor noch nie gesehen hatte. Immer wieder stellen sich Menschen, die den Erstkontakt mit einer Kegel-Einspielung wagen, die Frage: Wie konnte es passieren, dass ich das Gefühl habe, erst jetzt wirklich mit dem Stück vertraut zu sein?

Die vielleicht beste „Neunte“ am Markt? Nicht wenige behaupten eben dies. Zumindest ein "Rekord" ist sicher: Kegels Beethoven-Zyklus war die weltweit erste Digitalaufnahme der Symphonien und wurde hochgelobt.
Dieser „Aha“-Effekt ist freilich ein Produkt harter und härtester Arbeit, die sich heute wohl nur noch die wenigsten Dirigenten selbst antun würden. Zum Legendenstatus haben demnach auch zwei Gewohnheiten Kegels beigetragen: Da wären z. B.
unendlich lange Proben bei Werken mit Chorbegleitung. Um die Transparenz von Mammutwerken wie Mahlers achter Sinfonie oder Schönbergs „Gurre-Liedern“ zu gewährleisten waren Probezeiten von 10 Stunden und mehr täglich (!) für Herbert Kegel das Normalpensum: Eine Tortur für Orchester, Chor und Solisten – zumal Herbert Kegel gerade in späteren Jahren auch als unerbittlicher Tyrann von sich reden machte, der von den Musikern das Äußerste ihres Könnens abforderte. Das andere exzentrische Kuriosum das Kegel bei den Probevorbereitungen trieb, war die Gewohnheit, seine Partituren mit Buntstiftmarkierungen in allen Regenbogenfarben bis an die Grenze der Unkenntlichkeit zu markieren. Was für andere aussah, als sei über der ersten Seite von Tschaikowskys sechster Sinfonie ein Farbeimer explodiert, trug für Kegel zur klaren Durchstrukturierung der Partitur bei.
Und was für phantastische Einspielungen wir heute noch auf CD genießen dürfen: Da wären z. B. die großartigen Aufnahmen von Carl Orffs Opern „Die Kluge“ und „Der Mond“. Auch die „Carmina Burana“ wurde wohl nie wieder besser musiziert als 1960 unter Herbert Kegels Dirigat. Der Komponist Carl Orff war selbst ein glühender Verehrer von Kegels Schallplattenaufnahmen und unternahm große Anstrengungen, Eterna-Langspielplatten mit Kegels Interpretationen seiner Werke nach Westdeutschland schaffen zu lassen. Laut Aussage seiner Witwe Liselotte Orff ließ Carl Orff keine anderen Tonträger seiner Werke neben Kegels mustergültigen Interpretationen gelten.


In der überreichen Fülle von Mahler-Einspielungen ragen Kegel's Aufnahmen der Symphonien weit aus dem Einheitsbrei heraus. Derzeit sind Aufnahmen der 1., 2., 3. und 4. Symphonie erhältlich. Eine Rundfunkaufnahme der 8. wartet noch auf ihre Veröffentlichung.

Fast Unglaubliches ist Kegel auch mit seinen Mahler-Interpretationen gelungen: Selten hat man Mahlers Erste in derartiger Perfektion gehört, selten wurde der Kontrast ausgelassener Heiterkeit und tief trauriger Melancholie in Mahlers Vierter derart schonungslos freigelegt. Es ist ein Jammer, dass kein kompletter Zyklus der Mahler-Sinfonien unter Herbert Kegels Dirigat vorliegt. Wie grandios ein solcher Zyklus hätte sein können, kann man anhand von Rundfunkaufnahmen von Mahlers Zweiter, Dritter und Erster Sinfonie nur erahnen. Sie wurden vom deutschen Kleinstlabel „Weitblick/Melisma“ veröffentlicht.
Gerade Mahlers zweite Sinfonie erscheint unter Kegels Führung als ein Werk höchster Expressivität und Intensität. Und im Vergleich zu Kegels „Urlicht“ wirkt selbst Bernsteins annähernd makellose Einspielung mit den Wiener Philharmonikern wie Anfängerglück.

Man kann die Liste von Großtaten weiterführen: Eine der besten Interpretationen von Beethovens Neunter Sinfonie am Markt, gleiches gilt für die Aufnahmen von Schostakowitschs Erster, Karl Amadeus Hartmanns Achter und Alban Bergs Violinkonzert. Sein „Parsifal“ gilt unter Wagnerianern als der Superlativ schlechthin. Seine Hindemith-, Webern-, Hartmann- und Schönberg- Aufnahmen kennen nicht Ihresgleichen.
Diese Höhepunkte der Schallplattengeschichte wurden jedoch auch immer wieder getrübt durch weniger gelungene Einspielungen, die u. U. im unübersehbaren
Repertoirereichtum begründet sind, den Kegel sich – vor allem in seinen ersten dreißig Karrierejahren – angeeignet hatte. Da wären z. B. einige durchschnittliche Strawinsky-Aufnahmen und Kegels einziges Vivaldi-Album zu nennen.

Kegels große Liebe galt der zeitgenössischen Musik.

Seine Konzertprogramme versuchte er stets nach seinem Motto „40% Klassiker, 60% modern“ zu gestalten. Während ihm dies in seiner Leipziger Zeit gut gelang und ihm eine treue Gefolgschaft sicherte, war die Kulturpolitik der DDR damit oft gar nicht einverstanden. Kegel ist z. B. für den ersten ausgewachsenen Kulturskandal der DDR verantwortlich. Die Aufführung von Friedrich Schenkers Konzert für Jazzband und Orchester war ein riesiger Eklat.
Bei der Aufführung von Hans-Werner Henzes Chorwerk „Das Floß der Medusa“, legte Kegel sich so heftig mit dem DDR-Musikerverband an, dass er aus dem Verband letztendlich austrat. Er setzte sich vehement für Werke mit jüdischem Hintergrund ein. Bereits 1958 realisierte er eine Schallplattenaufnahme von Schönbergs erschütterndem Melodram „Ein Überlebender aus Warschau“. Die DDR-Führung sah auch das nicht gern und vermutete die „Förderung zionistischer Strömungen“.

Sternstunden:

Die hervorragende CD-Box mit den Aufnahmen der "Wiener Schule" - Schönberg, Berg und Webern. Herausragend vor allem die faszinierende Transparenz, die Kegel bei den Webern-Werken erreicht. Als Kegel 1977 zum Chefdirigenten der Dresdner Philharmonie avancierte, konnte er zunächst nicht ahnen, dass dieser verlockende Posten ihn in eine künstlerische Sackgasse führen würde. In der Stadt, die mit der Staatskapelle eines der traditionsreichsten Orchester Deutschlands vorweisen kann, wollten Publikum und Politik vor allem eines hören: Standard. Kegel hatte jedoch keine Ambitionen, seine waagemutigen Ausflüge in die Welt der unbequemen Konzertprogramme aufzugeben. So war es für ihn ganz selbstverständlich, dass Beethovens Neunte – die er stets am Vorabend des 1. Mais spielen ließ – nicht ohne Kontrastprogramm aufgeführt wurde.
Aufsehen erregend war z. B. die nahtlose Kopplung von Beethovens „Ode an die Freude“ mit Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“: Die Schiller-Beethoven-Vision „Alle Menschen werden Brüder“ trifft auf die Tagebuchaufzeichnungen eines Überlebenden aus dem Warschauer Ghetto. Kopplungen wie diese sorgten oft für ungewohnte, schockierende Sichtweisen, die das Publikum nicht selten ratlos und / oder brüskiert zurück ließen.

Legende Kegel:

Die besten und sagenumwobendsten Aufnahmen des Ausnahmedirigenten Herbert Kegel wurden von Berlin Classics auf dieser CD-Box zusammengestellt. Leider ohne Booklet.Trotzdem: Allein die großartigen Orff-, Schostakowitsch und Hindemith-CD's sind das Geld wert.

Kegel war ab 1985 Pensionär – wenngleich
der wohl viel beschäfigtste Pensionär den man sich vorstellen kann: Die „Gurre-Lieder“, die „Symphonie Fantastique“, die Kompletteinspielung der Beethoven-Sinfonien, die CD-Aufnahme von Mahlers erster Symphonie, Dittrichs „Engführung“ und Brittens „War Requiem“ (um nur einige Werke zu nennen) fallen alle in diese Zeit. Als sich die politische Wende abzuzeichnen begann, traten andere Namen auf den Plan. Neben dem politisch aktiven Kurt Masur, den Chefdirigenten des Gewandhauses und der Staatskapelle und den beginnenden Ost-Tourneen der berühmten West-Orchester, waren viele ehemalige DDR-Größen plötzlich nur noch „zweite Wahl“.
Kegel war zum ersten Mal in seinem Leben buchstäblich arbeitslos: Ein unbequemer, nicht konform gehender Rentner, den man endgültig aufs Abstellgleis stellen wollte. D. h., vielleicht wollte man es nicht einmal. Es passierte einfach, so wie viele andere deutsch-deutsche Entwicklungen der Jahre 1989 und 1990 aus heutiger Sicht eher unkontrolliert bis anarchistisch anmuten.

Der stets zu Depressionen neigende Herbert Kegel zog seine Konsequenzen. Am 20. November 1990 wählte einer der bedeutendsten Dirigenten des Jahrhunderts den Freitod. In der Nachrichtenflut der Wendezeit war der Tod Herbert Kegels allenfalls eine Randnotiz im deutschdeutschen Feuilleton.

Erst seit etwa dem Jahr 2000 werden Herbert Kegels CD-Aufnahmen wieder in großem Stil der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Und langsam aber sicher strahlt nicht nur in Japan die „Legende Herbert Kegel“ wieder so hell, wie sie sollte: Seite an Seite mit den größten deutschen Maestros seiner Zeit.



 
 
  Buch

Helga Kuschmitz
Herbert Kegel
Legende ohne Tabu.

Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert.
Verlag Klaus-Jürgen Kamprad (2003)
ISBN: 3-930550-27-X

Das Buch enthält eine bisher unveröffentlichte
CD-Aufnahme des Leipziger Rundfunk-Sinfonie-Orchesters unter Herbert Kegel mit der Rundfunk-Aufführung von Mahlers „Das klagende Lied“ aus dem Jahr 1985.

Herbert Kegel – Legende ohne Tabu

Seine Interpretationen der Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, großer Chorsinfonik und konzertanter Opernaufführungen sind legendär:
Herbert Kegel (1920-1990), Ehrendirigent des MDR Sinfonieorchesters wirkte von 1949 bis 1978 beim Rundfunk in Leipzig. Zunächst als Chorleiter, später als Dirigent und Chefdirigent des großen Rundfunkorchesters, des Sinfonieorchesters und des Rundfunkchores. Den Rundfunkchor machte er zu einem der besten in der Welt und bekam dafür 41jährig den Nationalpreis der damaligen DDR.

Autorin der im Altenburger Kamprad Verlag erschienenen Biografie ist die langjährige Rundfunkjournalistin und Produzentin Helga Kuschmitz, die mit Herbert Kegel viele Konzerte und Sendungen gestaltet hat. Ihr gelingt es, vor allem über die unbekannten Seiten im Leben und Wirken Herbert Kegels zu berichten.
Auf einer beiliegenden CD erklingen ein Stück von Gustav Mahler, von Kegel komponierte Klavierlieder und ein Probenausschnitt mit der Sopranistin Celestina Casapietra, mit der Kegel fast zwei Jahrzehnte verheiratet war und die Björns Mutter ist.

Für den Dirigenten HERBERT KEGEL (1920-1990) wurde die Aufnahme von Brittens »War Requiem« im Jahre 1990 zum künstlerischen Vermächtnis, denn wenig später schied er selbst aus dem Leben.
Dieser gebürtige Dresdner und Schüler von Ernst Hintze, Karl Böhm und Boris Blacher war ein leidenschaftlicher Förderer der Musik seines Jahrhunderts. Von 1949 bis 1978 wirkte er im Leipziger Rundfunk als Chor- und Orchesterchef und anschließend bis 1985 als Chefdirigent an der Dresdner Philharmonie. Leipzig wurde während seines Wirkens die heimliche Hauptstadt der modernen Musik in der damaligen DDR. Er dirigierte viele Ur- und Erstaufführungen, unter anderem von Arnold Schönberg, Anton Webern, Paul Dessau, Luigi Nono, Hans Werner Henze, Witold Lutoslawski und Olivier Messiaen. Er war kein Pultvirtuose oder Medienstar, sondern ein enthusiastischer und selbstloser Sachverwalter der Moderne.
Energisch und mit persönlicher Tapferkeit setzte er seine Absichten durch. Pendereckis “Threnos” sollte 1967 in Berlin verboten werden - er spielte es in seinem Konzert in der Komischen Oper trotzdem. Als der Komponistenverband der DDR sich der Leipziger Aufführung von Henzes “Floß der Medusa” widersetzte, trat er ostentativ aus dem Verband aus und setzte das Stück durch. Ähnlich verhielt es sich mit vielen anderen avantgardistischen Werken, die er oft gegen erhebliche Widerstände zum Klingen brachte. Er hätte es nicht nötig gehabt, er wer ein guter Beethoven- und Mahler-Dirigent, versiert vor allem auf dem Gebiet der Vokalsymphonik und Oper des 19. Jahrhunderts. Er wollte aber lieber kämpfen als gefeiert werden. Die Musik unseres Jahrhunderts hat Leuten wie ihm viel zu danken.